Schwein gehabt

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Zum preisgekrönten EU-Roman von Robert Menasse.
Wer hat den Senf erfunden? Das ist kein guter Anfang für einen Roman. Andererseits: Es kann keinen guten Anfang geben, weil es, ob gut oder weniger gut, gar keinen Anfang gibt. Denn jeder denkbare erste Satz ist bereits ein Ende – auch wenn es danach weitergeht.
Und das passiert in der Tat: Ein entlaufenes Schwein bewegt sich frei durch Brüssel.

Einen ganzen Roman hindurch läuft es Leute über den Haufen, lässt sie an ihrem Verstand zweifeln, narrt Polizisten und beliefert Medien so lange mit Nachrichten-Nachschub, bis es in den Geruch gerät, selbst nur fake news zu sein. Kurzum: wer ein Faible für starke Romananfänge hat, ist bei Robert Menasse immer gut aufgehoben (erinnert sei nur kurz an die Chili-Schote weiland im Anus seines Don Juan). Und so ist es auch diesmal – obwohl das blindwütige Biest mit dem Ringelschwanz eigentlich ein blindes (?) Motiv ist, das ebenso wie ein parallel geschehener Mord die Handlung in Bewegung setzt, wie es freilaufende Tiere seit Wolfram von Eschenbachs Titurel nur noch selten tun. Was ist also wirklich geschehen?
Während eines langen Aufenthalts als writer in residence in Brüssel mauserte sich der EU-kritische Saulus alias Robert Menasse zum Paulus des kontinentalen Einigungsprojekts, wie schon in seinem viel gelesenen Essay Der europäische Landbote (2012) nachzulesen war. Jetzt ist auch besagter, lang erwarteter Roman dazu erschienen, Die Hauptstadt, der diese Erfahrung fiktiv verarbeitet. Es ist der Versuch, eine europäische Epopöe zu schreiben, die in der EU-Metropole, ihren Scheinwelten und Tintenburgen spielt, um dieses Byzanz der Glaspaläste rund um den Schuman Roundabout irgendwie transparent zu machen. Dafür gibt es mindestens einen Vorläufer, nämlich Andrew Roberts’ Thriller The Aachen Memorandum von 1995 (wo es schon – no na! – um eine manipulierte EU-Volksabstimmung in Großbritannien geht), aber es ist nicht ersichtlich, ob das Menasse sonderlich bewusst war.

Der Autor versucht, das europäische Ränkespiel zu schildern, indem er sein Figuren-Personal nachgerade mit Quotenreglung aufteilt. Da gibt es innerhalb der EU-Kommission eine strebsame zypriotische Griechin, einen kreativ verlorenen Österreicher, einen coolen Tschechen mit Wiener Kindheit, einen manipulativen Ungarn, einen unsympathischen Briten (“Die einzige Monokultur, die er akzeptierte, war der Golfplatz”) und einen wichtigen Deutschen mit Liebhaber-Qualitäten; daneben tummeln sich noch ein österreichischer Ökonomie-Professor (Typ: luzider alter Grantler) sowie jeweils ein belgischer Kriminalkommissar und Holocaust-Überlebender, nebst anderen.

Es gibt also doch ein österreichisches und – wie sich herausstellt – durchaus kakanisches Übergewicht. Von magyarischer Figuren-Seite bekommt in diesem Roman, der sich für die “nachnationale Demokratie” stark macht, übrigens auch der gehassliebte Kleinstaat der Heimat sein Fett ab, was in die Frage mündet: “Ob Österreich eine Nation war oder ein Betriebsunfall der Geschichte, in seinem Größenwahn zu Recht zurückgestutzt zu einem Kleinstaat von Mischlingen (…)”? Ein klandestiner Orbán-Fan, der hier als rechter Tor die Wahrheit sagt?
Es herrscht also wieder jener der Menassischen Lesegemeinde sattsam bekannte – und beliebte – satirische Ton vor, der die großen Pläne und kleinen Schwächen der letztlich machtlosen Entscheidungsfinder/innen in der Kommission gegen einander aufrechnet. Das ist mitunter witzig, ja charmant, driftet aber manchmal auch ins Klischee ab, so etwa, wenn EU-Mitarbeiter/innen immer ein gestörtes oder nichtexistentes Privatleben zu haben scheinen. Neu ist indes der Hang zum melancholischen Nach-Satz als basso continuo dieses Werks, wie in den Sentenzen, die die Kapitel eröffnen oder häufig Episoden abschließen. Sie dokumentieren offenkundig die Reifung des Autors zum Elder Statesman eines beginnenden Alterswerks. Wie heißt es so schön: “Erinnerungen sind nicht zuverlässiger als alles andere, was wir uns ausmalen.”
Nichtsdestotrotz zeugt Menasses Roman von einem guten Gedächtnis und Ortswissen, aber einem weniger kenntnisreichen Lektor – sind und bleiben doch einige Namen falsch geschrieben, wie z.B. “Frije Universiteit Brussel”. Zur Verklammerung mit der real-existierenden Lebenswelt kommen kokett auch nicht-fiktive Figuren in dieser Papier-Hauptstadt zum Zug, wie etwa der flämische Vorzeige-Autor Geert van Istendael (dem Claudio Magris von Belgien). Aber spätestens, wenn der intrigante Karriere-Italiener in der EU-Kommission (Graf) Strozzi heißt und die Griechin Xeno bzw. ihr österreichischer Mitarbeiter Martin ein Jubilee Project zum 50-jährigen Bestehen der EU-Kommission aushecken, wird endgültig klar, dass dieser Plot nur eine Parallelaktion zur “Parallelaktion” in Robert Musils Jahrhundertroman Der Mann ohne Eigenschaften sein kann (der auch im Roman als ungelesene Lieblingslektüre von Spitzenfunktionären vorkommt).
Österreich ist nun im Gegensatz zur bundesdeutschen Literatur arm an überzeugenden Gesellschaftsromanen – und Menasse einer der wenigen heimischen Autoren, den es immer wieder in dieses Rollenfach zog. Diesmal ist die technische Herausforderung aber eine besonders große, wenn es darum geht, in einem Roman nicht nur individuelle Leben in ihrer österreichischen Verbandelung, sondern supranationale Institutionen und die internen Abläufe ihrer Bürokratie darzustellen: vor allem, wenn es hier eine mächtige Konkurrenz nicht in der Literatur, sondern mit zeitgenössischen Fernsehserien wie House of Cards oder BØrgen gibt, die damit offenkundig weniger Probleme haben.
Gerade in diesem Kernbereich seines Anliegens wird der Roman aber etwas papieren und eintönig. Unglaubwürdig ist er mit seinem haarsträubenden Thriller-Plot, wo die Nato und der Vatikan sich offenkundig zusammentun und einen polnischen Killer ausschicken: Zu sehr erinnert das – als gewollte Parodie? – an die aberwitzigen Verschwörungstheorien von EU-Gegnern, die man auf gut Englisch nutcases nennt. Wozu also dieser Handlungsstrang? Realistisch, aber etwas fade, wird der Text, wenn es um das Lobbying für Schweinefleisch geht. Auch die Idee, Auschwitz und die Gründung der EU im Kontext zu sehen, ist ideengeschichtlich richtig, wird aber doch etwas überstrapaziert. Und schließlich gehen die hochangespannten Plot-Knäuel rund um Schwein und Politmord nicht befriedigend auf – und das sind die Achillesfersen eines Nicht-Thrillers, der anderwärtig durchaus Meriten hat, so dass man ihm stellenweise eine bessere Handlung gewünscht hätte.
PS. Trotzdem hat das Buch den großen Deutschen Buchpreis 2017 erhalten; wir gratulieren.
Robert Menasse, Die Hauptstadt. Roman, Berlin: Suhrkamp 2017, 458 S., € 24,70
TEXT (c)ru & Literatur und Kritik, O. Müller Verlag, Salzburg, 2017/18.

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