Out of Africa

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Thomas Stangls neuer Roman. Eine Rezension.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, quasi achtlos an der Wiege eines Romans gestanden zu haben. Genauer gesagt, verbrachte der Rezensent 2014 eine Woche mit etlichen Germanisten und dem österr. Autor Thomas Stangl (* 1966) auf einer Tagung zum postkolonialen Roman in Togo – und prompt erscheint jetzt Stangls neuer Roman, betitelt Fremde Verwandtschaften, der auf einer Konferenz in Westafrika spielt.

Dies stachelt naturgemäß die Lektüre an. Dennoch: Einzelne Details von damals sind erkennbar, wenn etwa der deutsche Botschafter auf einem Empfang selbst zur Geige greift oder die Konferenzteilnehmer ein sog. Sklavenhaus besichtigen – doch damit hört die Verwandtschaft zwischen gemeinsam erlebter Realität und der Fiktion schon wieder auf. Stangls Werk ist weit entfernt von einem Schlüsselroman, ist schon der Protagonist immerhin ein Architekt und kein Literat.

Dieser Harald Hiesl, der abwechselnd als Ich-Erzähler und dann wieder aus der Er-Perspektive beleuchtet wird – wozu eigentlich? – leidet nicht nur an grober Schlaflosigkeit, sondern ist auch vom Typ her eher ein Durchhänger und Grübler. So hängt er im Hotelzimmer, aber auch auf Streifzügen durch die fiktive westafrikanische Stadt Belleville vor allem den eigenen Gedanken nach, ventiliert seine Familiensituation, sieht seinen toten Vater, der ihm Zitat “die Erbschaft eines brüchigen Lächelns” hinterlassen hat usw. usw.

Mit Robert Musils Mann ohne Eigenschaften gesprochen, verliert sich Hiesl im Möglichkeitssinn und spielt kräftig mit dem Als-Ob, oder, wie er selbst sagt: “Fremde Leben sollen mir das eigene ersetzen.” Dies führt wenig verwunderlich zur Entfremdung von seiner zurückgelassenen Existenz zuhause, von seiner Frau und den beiden Kindern, mit denen er anfänglich noch skypt. Die Umgebung spielt dabei kaum eine Rolle, sie ist austauschbar und eher nur Anlass, sich in Schraubenbewegungen noch tiefer in die eigene Gedankenwelt hineinzudrehen. Diese fremdelnde Nabelschau hat etwas vom früheren Peter Handke, als er noch nicht sein gelobtes Land in Serbien entdeckt hatte, z.B. wenn es bei Stangl heißt:

Im Dunkeln, im Gehen konnte ich nachdenken. Die Gedanken hatten Raum, so entstand wie von selbst eine Schichtung: Distanzen, Distanzierungen, Wiederholungen und Reflexionen, neue Positionen. Die Kinder an der Tankstelle, die mich um ein paar Franc anbettelten, störten mich nicht.

Ein verräterisches Zitat. Denn die angestrengte Introspektion bedeutet, dass wir in diesem Roman nicht viel über Afrika erfahren: zu sehr wird der Protagonist von seinem Kopfkino absorbiert. Hierin gründet auch der wohl wichtigste Kritikpunkt: Obwohl der Text ausgezeichnet formuliert ist – und der Autor als einer der wenigen österreichischen Beiträge zum postkolonialen Prosa-Genre gilt – dient der schwarze Kontinent hier doch eher nur als Kulisse für die Zivilisationsnöte eines zerrissenen weißen Mannes. Stangl reproduziert damit eine eher problematische Standardsituation europäischer Literatur, zumal es auch bei ihm keine wirklich ausgearbeiteten afrikanischen Figuren gibt, die dem Protagonisten Paroli bieten könnten und quasi zurück-denken. So liest es sich fast wie ein Geständnis, wenn es über Hiesl heißt:

Er zögert; eine Spur zu lang, er kann in diesen Moment gar nicht hinein, ihn anders als aus dieser Distanz erfahren, er kann nicht das Schwimmen sein, kann nicht die Belgierin sein der Raum und er in dem Raum; er kann nur er selbst sein, ein Ich, zufällige Gespräche führen, zufällige Gesten machen, zufällig Haut berühren, Körper umarmen, die gleich zufällig werden und ihre Notwendigkeit verlieren.

Damit ist wohl auch die Problematik von Stangls Erzählen angesprochen. Zudem vermag der Plot nicht wirklich Spannung oder Neugier zu erzeugen, denn viel passiert hier nicht, außer dass der versponnene Held ziemlich notgeil ist und doch mit seinem Konferenzschwarm, nämlich besagter Belgierin, wenig läuft – und das meiste auch nur im Kopf. Stangl wäre somit zu wünschen, dass er beim nächsten Mal den Stoff findet, der seiner formalen Meisterschaft würdig ist.

Text (c) Ruthner & Ö1 Ex Libris, 18.02.2018

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