Leutnant Ungustl

Schon vor 20 Jahren, zum 100. Geburtstag ALEXANDER LERNET-HOLENiAs, erschien ROMAN ROčEKs Biografie des “Herrenreiters”:
Die neun Leben des ALH. Eine Biographie. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1997. 414 S.
Rückblick & Rezension.
Foto (c) Franz Hubmann.
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Eine Anekdote will es, daß der greise Dichterfürst Alexander Lernet-Holenia (1897-1976) beim Verlassen seiner Wohnung in der Hofburg unter die 68er fällt. Wohlerzogen, wie ein literater „Grand-Seigneur“ (Hilde Spiel) nun einmal ist, grüßt er die langhaarig und -bärtigen Jünglinge vom benachbarten Uni-Institut mit einem „Gelobt sei Jesus Christus“. Allein, die schnöden Seelen im Jahre des Herrn 1970 haben vom Theaterstudium bloß das Götz-Zitat parat. Daran entzündet sich der Ingrimm des soignierten Untermieters am Parnass, nachzulesen als Leserbrief in der Presse 1971. Die Zeitung zierte sich freilich, als es darum ging, ein Antwort-Pamphlet der Studierenden zu veröffentlichen, das dem alten Haudegen sowohl Zeugungs- als auch Zurechnungsfähigkeit aberkennt.
Eine von vielen Leserbrief-Querelen des einschlägig berüchtigen Lernet, der heute seinen 120. Geburtstag gefeiert hätte. In seiner Biografie, vor 20 Jahren verfaßt vom ORF-Hauptabteilungsleiter Roman Roček (1935-2013), wird man dergleichen eher spärlich finden. Materialreich und ausführlich hat sie sich deutlich dem Blankpolieren dunkler Stellen verschrieben. Ein schwieriges Unterfangen, handelt es sich hier doch um einen der meistkontroversen Fälle im Pflegeheim der österreichischen Literatur:
Den einen ist er ein Epigone, ein reaktionärer Ungustl und unfreiwilliger Geburtshelfer der Grazer Autorenversammlung, indem er das Schisma zwischen Tradition und Innovation in der österreichischen Literatur offenkundig machte (1972 trat er als Präsident des österreichischen PEN-Clubs zurück, als der Literatur-Nobelpreis an den „Kommunisten“ und Stammheim-Besucher Heinrich Böll verliehen worden war.).
Andere wiederum feiern den k.u.k. Kavallerieleutnant a.D. als Apologeten eines ‘schönen’ Erzählens gegen die Schreibflächen-Bombardements der Moderne. Als Verklärer des Überkommenen wird er zum Vorreiter unreflektierter Mitteleuropa-Spintisierer, und wenn es laut Claudio Magris keinen „habsburgischen Mythos“ gäbe: für Lernet müßte er extra erfunden werden.
Insbesondere der prosaische Anteil an seinem vielfältigen Werk kreist phantastisch um zwei Generalthemen: den Untergang der Donaumonarchie, den Lernet erst mit dem Anschluß von 1938 als beendet ansah, und um die Zweifelhaftigkeit menschlicher Identität. ‘Ich’ ist bei Lernet immer jemand zweiter, wenn nicht ein anderer – obgleich er darin nie ganz die Meisterschaft seines Lehrmeisters Leo Perutz erreicht hat. Möglicherweiser deshalb, weil er zeitlebens auf die Verarbeitung seines persönlichen Traumas literarisch gebaut hat; spiegelt doch die Unsicherheit der Herkunft seiner Helden die geheimisumwitterte kurze Ehe der Eltern Lernets wider, hinter der nicht nur Roman Rocek die Machinationen des eigentlichen Vaters Lernets sieht: Erzherzog Karl Stephan, Nachkomme des Siegers über Napoleon bei Aspern (1809).
Wie Lernet und seine Helden ihren in den Zeitläuften fragwürdig gewordenen Identitäten durch Ahnenforschung zu Leibe rücken, so auch der Biograph. Der erste Teil seines vorliegenden Buches enthält eine minutiöse Geschichte der Kärntner Montanistendynastie Holenia, die bis hin zum Bauplan der Familienvilla in St. Wolfgang reicht. Das Verdienst Roceks mag sein, daß er auch einige der Widersprüchlichkeiten des Schriftstellers herausgearbeitet hat: So die Tatsache, daß der nostalgische Monarchist ALH in der Nachkriegszeit als Gegner von Otto (v.) Habsburg auffiel; daß der Möchtegern-Aristokrat und Hobby-Geneologe ALH in einem Artikel den Adel mit Charles Darwin auf die Affen zurückführt; und daß der „Unterhaltungsautor“ ALH einer der ersten ist, die post 1945 die österreichische Mitschuld am NS-Regime thematisieren, aber gleichzeitig die Zweite Republik mit Franz Grillparzer als „Kapua der Geister“ abtut.
Bei aller Materialfülle bleibt es doch die Achillesferse des Lernet-Freundes Roček, daß er etwaige Untiefen durch Nichtnennung umschifft, wie etwa die andernorts zitierte Beobachtung, Lernet sei 1939 zunächst durchaus gerne in Wehrmacht-Uniform durch die Stadt stolziert. Peinlich wird Roček dort, wo er Lernet linke Sympathien unterstellt: als Gegenbeweis sei eine Lektüre des Romans Traum in Rot (1939) anbefohlen. Aber auch unappetitlische Details aus der Jagdzeit des Womanizers Lernet sind uns auf diese Weise erspart geblieben. Wie auch immer, wer zwischen den beiden großen “Herrenreitern” der Nachkriegsliteratur schwankt: im Zweifelsfalle lieber Heimito von Doderer lesen.
Text (c) DER STANDARD, 22. 11. 1997, S. A11.
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