Vom Kuferaš zum Vollkoffer

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Da es mein Prinzip ist, über Schriftsteller, die mir persönlich viel bedeuten, nichts Wissenschaftliches zu schreiben, kann ich einer Festschrift für Dževad Karahasan wohl nichts Substanzielles hinzufügen, keine postkolonialen Spitzfindigkeiten über Orientalismus und Okzidentalismus, über liminale Zustände und Hybridität, über dritte Räume oder ähnliches, wie es sonst meine Unart ist: Der Forensiker braucht nun mal Abstand zu seinem Untersuchungsgegenstand. Was ich aber wohl beisteuern kann, ist, wie ich von Karahasan, den ich für den bedeutendsten lebenden bosnischen Autor halte, ein Wort lernte und wie ich es ihm zurückgeben möchte – als Gegengabe, die dem ursprünglichen Geschenk vielleicht etwas hinzufügt. Wobei ich noch nicht weiß, wieviel.

Es ist wohl bald zehn Jahre her, als ich Karahasan persönlich kennenlernte. Die Ironie der Kontingenz wollte es, dass er, bevor wir ruhigen Gewissens im Wiener Schwedenespresso versumpfen konnten, einen jener Nachziehkoffer dabeihatte, wie sie geläufig sind auf den Flughäfen und Bahnhöfen dieser Welt. Ich half ihm, diesen lästigen kleinen Begleiter in seinem Hotel loszuwerden, und Karahasan machte mich mit seiner ihm eigenen liebenswürdigen sophistication darauf aufmerksam, dass ich nun ein österreichischer Kofferträger sei, und was dies bei ihm zu Hause in Bosnien bedeute.

‘Kofferträger’ (kuferaši) war ein Wort, mit dem die Bosnier in der habsburgischen Kolonialzeit jene Administratoren, Beamten, Funktions- und Würdenträger bezeichneten, die Wien oder Budapest zu ihnen schickte. Dies wohl als Anspielung auf ihren unsteten Lebensstil der Moderne, zu dem ihr Beruf sie nötigte, im Unterschied zu bosnischer Bodenständigkeit. Mag sein, dass in dem südslawischen Wort aber auch das arabische kufar (für: ‘Ungläubiger’) leise mitschwang, doch es wurde keineswegs nur von Muslimen verwendet.

Auch die Möchtegern-Kolonisatoren aus den Alpen und den umliegenden Tiefebenen adoptierten den Term rasch – “worunter man den mit leerem Koffer nach Bosnien gekommenen und mit vollem Koffer, also reich, aus Bosnien abgehenden österreichischen Beamten – ungarische gab es sehr wenige – verstand”, schrieb etwa der Balkankenner Franz Baron Nopcsa in seinen Lebenserinnerungen Anfang des 20. Jahrhunderts. Und 1912 wusste die Zeitung Zeman über die kuferaši bzw. den bürokratischen Goldrausch, den sie verkörperten:

Auch heute sind alle wichtigeren Beamtenstellen in den Händen der Fremden. Der Minister, der Landeschef, der Ziviladlatus, 5 Sektionschefs im Ministerium, 4 Sektionschefs bei der Regierung, 7 Hofräte, 9 Regierungsräte, der Obergerichtspräsident, der Präsident der Handelskammer sowie der Advokatenkammer, 6 Kreisgerichtspräsidenten, 4 Kreisvorsteher, 47 Bezirksvorsteher, 17 Gerichtsrate, 44 Steuereinnehmer (…) all das ist ein Fremder, alles ein eingefleischter Kuferasch. Österreich-Ungarn hat dieses Volk nicht kultiviert, sondern Brot für seine Landsleute verschafft.

Für einen Spitznamen war kuferaši trotzdem eher liebenswürdig humorvoll als bösartig, nicht ganz so nett wie das Wort, das die Ungarn für die Österreicher hatten, nämlich sógor, was ‘Schwager’ bedeutet, aber dennoch. Weit weniger freundlich ist das T-Wort, das vor allem die Wiener im späten 20. Jahrhundert für die damals noch aus Jugoslawien stammenden ‘Gastarbeiter’ verwendeten. Auch bürgerte sich damals der Terminus ‘Jugokoffer’ für die Supermarkt-Plastiksackerln – in Deutschland ‘Tüten’ genannt – ein.
Kuferaši blieb angeblich auch nach dem Ende der k.u.k. Zeit in Bosnien-Herzegowina in Gebrauch, diesmal eben für die Funktionäre, die Jugoslawien in das dreieckige Land schickte, das wie ein Keil in seinem Inneren steckte – es scheinbar aber eher verkeilte als auseinander trieb. Später in den 1990er Jahren wurden Zigtausende Bosnier und Bosnierinnen selbst zu Kofferträgern – sofern ihnen Zeit blieb zu packen –, als sie in den sog. jugoslawischen Nachfolgekriegen, wie dies heute politisch korrekt heißt, vor den Gewaltakten ihrer Nachbarn ins Ausland flüchteten, um dort zu einer der größten Erfolgsgeschichten sog. “Integration” zu werden: Verwenden doch inzwischen auch hartgesottene Rechtspopulisten in Österreich die Anpassungsfähigkeit der bosnischen (und serbischen) ‘community’ als leuchtendes Beispiel, ja gleichsam als Kontrollmenge ‘guter’ Migranten, um anderen Gruppen die demografische Rute ins Fenster zu stellen.
Der Zufall wollte es übrigens, dass ich es bei unsrem nächsten Treffen war, der einen Koffer hinter sich herzog: Karahasan konnte darüber schmunzeln und fühlte sich bestätigt. Da mein Lebensstil nun seit vielen Jahren auch ein ziemlich nomadischer ist, nahm ich das ironische kleine Identifikationsangebot aber gerne an, und verwendete die Bezeichnung kuferaš im Folgenden, um mich bei Karahasan in Erinnerung zu halten, etwa wenn ich ihn grüßen ließ. Dennoch habe ich ihm nie mitgeteilt, dass die Geschichte aus österreichischer Sicht noch weitergeht. Koffer sind nämlich in Zeiten allgemeiner Mobilität beliebte Bildspender geworden, und man sagt nicht nur ‘einen Koffer abstellen’, wenn man als guter Wiener Bürger sagen will, jemand habe gefurzt.
Gerade in Wien ist ‘Koffer’ auch ein Schimpfwort für einen Idioten, und ähnlich wie das bundesrepublikanische Pendant ‘Vollpfosten’ kann man auch das österreichische Wort zu einem ‘Vollkoffer’ steigern, wobei ich bezweifle, dass die Logik einfach die ist, dass der Koffer voll ist. Irgendwie musste ich zufällig daran denken, als ich zu einer Literaturtagung in Mostar eingeladen war, und der österreichische Diplomat, den man zu einigen Grußworten abkommandiert hatte, statt über die Wiener Jahrhundertwende von seiner Liebe zur balkanischen Küche sprach.
Ich dachte über das tief philosophische Problem nach, ob Kofferträger auch Koffer werden können. Dass die Geschichte bei aller scheinbaren Kontinuität keine menschliche Beziehung zu den Dingen so lässt, wie sie einmal war, und alles eigentümlichen Metamorphosen unterworfen ist: Niemandem bleibt seine Gestalt, und auch Österreich ist arg herabgekommen von einstiger Koffergröße. Das klingt freilich nicht ganz nach Karahasan, sondern nach Ovid und Christoph Ransmayr – und deshalb bringe ich eilig meinen Koffer in Sicherheit und wünsche alles Gute zu all den runden Geburtstagen, die noch folgen mögen. * * *

PS. Ein spezielles hvala an Adelheid Wölfl & Tamara Scheer für ihre sachdienlichen Hinweise: http://derstandard.at/1385169357810/Die-mit-dem-Koffer-ins-okkupierte-Land-kamen.

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