Post-Apokalyptik made in A

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Karin Peschkas neuer Erzählband beeindruckt nicht nur im Genre des Weltuntergangs.

Schon in den 1980er Jahren sprach der französische Philosoph Jacques Derrida vom “apokalyptischen [bon?] Ton” der ZeitgenossInnen, dem sich auch Umberto Eco widmete. Rückblickend darf man sich verwundert fragen, warum das späte 20. Jahrhundert, das uns heute nachgerade als Goldenes Zeitalter vorkommt, so katastrophenverliebt war? Wie es aber scheint, kommen einem retrospektiv leicht die eigenen Weltuntergangs-Gefühle abhanden – denn subjektiv-historisch wird wohl für jede Generation alles nur noch schlimmer, je älter sie wird. Und so kam es denn auch, im weiten Bogen vom Kalten Krieg über Reagan und Thatcher über das Ende des Kommunismus und die Wiederauferstehung hässlicher Nationalismen bis hin zu Trump, Putin, Brexit und dem Klimawandel.

Parallel dazu hat den letzten drei Jahrzehnten die Untergangsverliebtheit in Literatur und Film keineswegs abgenommen, sondern das Genre der sog. Postapokalyptik überbietet sich mit immer neuen Höhepunkten, wie etwa der 2009 verfilmte Roman The Road von Cormac McCarthy (2006), der kaum ein Auge trocken ließ. Auch Slavoj Žižek, das Schnellfeuergewehr unter den lebenden GebrauchsphilosophInnen, nahm sich mit Living in the End Times (2010) des Themas an, sehr geschmacksicher übrigens mit einem Kapitel über Ingenieur Fritzls Keller-Österreich.

Während in der übersteigerten Selbstwahrnehmung des Alpenlands der Jüngste Tag in den letzten 100 Jahren freilich ein daily business geworden scheint, war es dem Westdeutschland der Stunde Null und des darauf folgenden Kalten Kriegs mit seinen kultivierten Atom-Alpträumen beschieden, das gültige Format des postapokalyptischen Genres auszuarbeiten. In Arno Schmidts Erzählung Schwarze Spiegel (1951) tourt ein alter Misanthrop als (Nietzsches?) letzter Mensch durch die verwüstete Bundesrepublik, schwankt zwischen Entsetzen und Befriedigung, dass dieses Land untergegangen ist, nährt sein Feuerchen mit wertvollen Buchantiquitäten aus den Bibliotheken rundum und hält es nicht aus, dass eine Frau ihm irgendwann Gesellschaft leisten will; ein Hund ist aber OK.

Dies werden die Standardmotive für alle späteren AutorInnen des Genres sein, und auch Schmidts Protagonist ist bereits wie später auch McCarthys vazierend ruhelos auf der Suche nach etwas, das es möglicherweise gar nicht (mehr) gibt. Gemeinsam ist diesen Texten auch ihre Ambivalenz, vermitteln sie doch Warnung gleichermaßen wie Zerstörungslust: Die letzte Einsicht ist ganz besonders luzide, weil sie zu spät kommt und “nichts mehr nützt” (wir verdanken sie Eva Horns Monografie Zukunft als Katastrophe von 2014).

Aber auch die österreichische Literatur hat diesbezüglich einige Einträge auf der Liste der “Weltuntergangserzählungen” (Alice Bolterauer) aufzuweisen, selbst wenn man Alfred Kubins Die Andere Seite (1909) oder Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschenheit (1915– 22) nicht mit einrechnet, die streng genommen ja eher prä-apokalyptisch sind bzw. vornehmlich den Untergang selbst thematisieren. In zeitlicher Nähe zu Schmidt verfasste aber etwa Marlen Haushofer ihren wirkungsträchtigen Roman Die Wand (1963), der gemeinhin als Gender-Allegorie gelesen wird, aber sich darin nicht erschöpft, gibt es doch auch die eigentümliche Spannung von ‘Natur’ und ‘Kultur’ generell. 2006 wiederum machte – in zeitlicher Nähe zu McCarthys Beststeller – Thomas Glavinic mit seiner Arbeit der Nacht von sich reden. Der mysteriöse Untergang, der hier das Gegenwartsösterreich zerstört hat, elektrisierte Leser und Literaturwissenschaft gleichermaßen, und doch machte der Roman einmal mehr auf die narrative Achillesferse des ganzen Genres aufmerksam.

Ist die Welt nämlich einmal untergegangen, gibt es nach dem anfänglichen Maximalschock eigentlich nicht mehr viel zu erzählen, was die Lese-Spannung aufrecht erhalten könnte. Die Texte geraten so merkwürdig ereignislos, verfangen sich in Rückblenden und verleiten gewissermaßen zu einer Lehnsessel-Anthropologie des Letzten Menschen, die zu viel beschreibt und oft ermüdet (diesem Teufelskreis gelang es eigentlich nur Margret Atwood, der Weltmeisterin des Genres, zu entkommen). Nicht zu vergessen die Gefahr, den Leser durch allzu naheliegende Erklärungen wie den Öko-Zeigefinger oder den 17. Atomkrieg möglicherweise ebenso zu verärgern wie wenn diese vorenthalten werden.

So gesehen erregte es doch einiges Aufsehen, als die nicht mehr ganz junge Autorin Karin Peschka (* 1967) mit ihrer dritten Buchpublikation Autolyse Wien, aus dem sie erfolgreich beim Bachmann-Wettbewerb 2017 in Klagenfurt vortrug (Publikumspreis), sich in den mysteriösen Fußstapfen von Haushofer und Glavinic der Postapokalypse ihrer Heimatstadt Wien widmete, die hier äußerst überzeugend “Scherbenwelt, Trümmerbruch, Geisterstadt”: “Unberührte Stadt nach deren Eliminierung, Ein Experiment auf unsere Kosten: Kollateral­schaden inbegriffen.”

Die beeindruckende Konstruktion der Destruktion beginnt schon mit dem Format, denn Autolyse Wien ist kein Roman, sondern, wie der Untertitel sagt, “Erzählungen vom Ende”. Damit entgeht Peschka der erwähnten Falle der Apokalypse-Ermüdung, indem sie einen durchgängigen Plot gar nicht erst anstrengt. Der erste Teil ist vielmehr ein Kaleidoskop von Mikro-Narrativen von einzelnen Figuren und ihrer Erfahrung des Untergangs – dessen Genese offen bleibt. Angedeutet wird eine Art Hagelsturm, werden doch immer wieder meteorologische Metaphern verwendet für das Übel, das die Stadt Wien über Nacht völlig zerstört: “Die Katastrophe hatte Wien abgerissen, kein einzelnes Abbruchhaus, eine Abbruchstadt war daraus geworden, ein Meer von Halbeingestürztem, von Ruinen.” (Etwaige Assoziationen mit dem kulturellen Gedächtnis von 1945 liegen durchaus auf der Hand, spielte doch Peschkas erster Roman Watschenmann in der Wiederaufbauzeit.)

Durch diese neue Trümmerwüste irren nun die Davongekommenen. An ihnen wird deutlich, was an so vielen anderen postapokalyptischen Texten wishful thinking ist, d.h. die lächerlich falsche Vorstellung, dass man die Apokalpyse im Vollbesitz seiner Kräfte überstehen wird. Bei Peschka indes haben die meisten Figuren ein Handikap, das ihr Überleben behindern wird: Bei einer ungewollt Schwangeren etwa verhindert das Weltenende die ersehnte Abtreibung und macht die nächsten Monate besonders zweifelhaft; andere Figuren sind älter, Psychiatriepatienten oder auf Medikamente angewiesen, die sie nicht mehr bekommen werden. Ihnen allen wird Wien zur “Bühne”, zur “Notverordnung”, “Material”, eine “Unwirklichkeit” und vieles mehr.

Beeindruckend ist die Zahl der Frauen und Migranten im Trümmer-Chaos, bevor der Fokus zu einer Ich-Figur mit einem Gallenleiden schwenkt, die den Libro-Diskont auf der Praterstraße plündert, SelbstmörderInnen auf der Reichsbrücke beobachtet und schließlich ihr eigenes Begräbnis im Sternwartepark plant. Und, um noch eins draufzumachen, besagter in Klagenfurt erfolgreicher Textteil mit dem Titel Wiener Kindl, in dem der überlebende kleine Nachwuchs, kaum der Sprache und des Denkens mächtig, mit dem Silberlöffel in der Hand ein Rudel Hunde gebietet, die sich seiner angenommen haben – quasi als postapokalpytischer Kaspar Hauser:

Das Kindl würde viel lernen müssen, falls es am Ende des Sommers noch am Leben sein wollte.

Gerade in der Aufsplitterung der Figuren und ihrer Wahrnehmung, die der äußeren Zertrümmerung der Stadt entspricht, gewinnt das Text-Konglomerat Kohäsion. Es gibt Zusammenhalt und Überlappungen, denn z.B. der psychotische Schimpfer läuft am Rande gleich durch mehrere der Kurzgeschichten: “Nur Erich durfte wild und laut durch das ziehen, was früher der Ort gewesen war, den er kannte.” Sonst gibt es kaum Kontakt zwischen den Menschen in den Trümmern von Wien, ja sie bekommen zusehend Angst vor einander und konkurrieren um die immer spärlicher werdenden Lebensmittel.

Die dünne Wursthaut der ‘Zivilisation’ platzt, die nicht mehr geordneten Ingredienzien wirbelt das Weltenende durcheinander. Bewusstseinstrübung setzt ein – auch das ein Standardmotiv des kulturkritischen Genres der Postapokalypse – und so etwa wie religiöser Wahn greift um sich: Am unheimlichsten in der Episode “Familie”, wo der Vater mit der Axt in der Hand die Mutter vor sich und den Kinder hinknien lässt und im Wahnsinn der Traumatisierung ein halb religiöses Patriarchat des Stärkeren wieder einführt. Oder, wenn sich eine Gruppe Männer ein weibliches Wesen unbestimmbaren Alters offensichtlich zur Belustigung und als Sexsklavin hält. Sie hat keinen Namen mehr, sondern wird nur noch schlicht “Körper” genannt, wobei man unwillkürlich an Kubins zynische Zeichnung “Eine für alle” denken muss:

Sechs Männer, ein Körper. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag. Sonntags wollte er sich das Leben nehmen. Der Name, der kleine funkelnde Name im obersten Seelengebirge, hatte sich hervorgewagt ein Stück. Wollte sich zurückducken, diesmal aber ganz, in den Tod hinein.

 Peschka hat für den Zerfall der Lebenswelt das eindringliche viszerale Bild der titelgebenden “Autolyse” gefunden: Im Organismus sterben Zellen nicht und verschwinden, sondern sie verdauen sich selbst, was auch zum ästhetischen Prinzip wird. Die Erzählung widersteht so die der Versuchung eines allzu platten Vulgärrealismus, sondern löst sich in den Bildern der Vernichtung selbst in etwas Amorphes auf. Damit steht die Autorin in der guten alten Wiener Tradition des Makabren; ihre Sprache jedoch ist ein Hybrid aus der unbarmherzigen Grausamkeit eines Flaubert oder eines Houellebecq, gekreuzt mit dem lieben Augustin und der österreichischen Nachkriegsavantgarde. Diese fulminante Sprachgewalt, die sich nicht ex-post in der totalen Auslöschung erschöpft, war deutlich etwas, was ihren Vorläufern Haushofer und Glavinic abging.

Gleichzeitig sperrt sich Peschkas Textgefüge gegen eine allzu einsinnige Vereinnahmung der Katastrophe in der Interpretation. Das ist, um ein anderes Schlagwort unserer Zeit einzuführen, Posthumanismus in jeder Hinsicht und im besten Sinn des Wortes – und sicher eine der großen Entdeckungen des heurigen Bücherjahrgangs, der noch andere Untergangsvisionen bereithielt.

Karin Peschka, Autolyse Wien. Erzählungen vom Ende, Salzburg: O. Müller 2017, 179 S., € 19.-

Text (c) LIteratur und Kritik 519/520 (Nov. 2017), S. 83-86; Foto

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